Kluge Köpfe für den Umbau gesucht – von Julia Wittenhagen

Kategorie: Allgemein

Aus Handel und Konsumgüterindustrie kommen derzeit viele Aufträge für Headhunter wie Tim Oldiges von der Personalberatung Headgate. Immer häufiger wünscht sich seine Klientel der großen Familienunternehmen Kandidaten für die Erneuerung.

Herr Oldiges, Sie erleben gerade viel Dynamik bei der Besetzung von Führungspositionen. Warum sucht der Handel nach neuen Köpfen?

Die Händler gewinnen immer mehr Einkaufsmacht, stehen im Vertrieb aber vor der Frage, wie sie online und stationär verbinden und neue Touchpoints generieren. Alte Handelsorganisationen sind dafür nicht ausgelegt in puncto IT und Transformationsfähigkeit. Es werden daher Topmanager gesucht, die die Organisation so umbauen, dass neue Prozesse im Sinne einer optimalen Customer Journey etabliert werden. Der Kunde gibt den Ton an und diesen Kontakt darf der Händler nicht mehr hergeben. Intern müssen in diese Prozesse Vertrieb, IT, Einkauf, Category Management optimal integriert werden.

Was für Persönlichkeiten sind gefragt?

Die gesuchten Kandidaten müssen es schaffen, das alte Umfeld mitzunehmen und für Neues zu begeistern. Retail is detail: Es gilt, viele organisatorische Hürden zu knacken. Wie soll ein regionaler Händler plötzlich national Kunden beliefern? Gesucht werden Menschen, die den Überblick behalten und die Rückschläge nicht entmutigen. Operative Erfahrung hilft und Aufgeschlossenheit für Neues. Das ist übrigens keine Altersfrage.

Wie findet man diesen Managertyp?

Wir achten neben Fachkenntnissen insbesondere auf geistige Flexibilität. Mit einer speziellen Interviewtechnik können wir ganz gut erfassen, ob der Kandidat sich auf neue Themen einstellen kann, lebenslang lernt und die geistige Freiheit hat, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Fast unverzichtbar ist ein IT-Bezug: Neue Technologien muss ich zumindest im Hinblick darauf verstehen, was sie für mein Business bedeuten können.

Hilft die Suche in Nachbarbranchen?

Ja, Autovermieter etwa erhöhen oft den Warenkorb ihres Kunden, indem sie ihm eine Versicherung und ein Upgrade anbieten. Solche Prinzipien können auch im Handel nützlich sein.

Was treibt die Herstellerseite um?

Auf Seiten der Zulieferer verändert sich der Vertrieb gerad stark. Auch hier braucht man interdisziplinäre Teams, um schnell für den Kunden Produktanpassungen vorzunehmen: bei Verpackung, Größe bis hin zur Personalisierung der Produkte. Wichtiger wird auch, die nachgelagerte Logistik sicherzustellen in Zeiten sich verknappender Ressourcen. Früher füllte man Regale. Heute entwickeln sich hochindividuelle Produkte zu Kundenmagneten. Der Direktvertrieb online bietet Herstellern die große Chance, unabhängiger vom Handel zu werden.

Was für Leitwölfe sind hier gefragt?

Manager, die Ideen verkaufen, die richtigen Kompetenzen zusammenbringen und schnell Prototypen entwickeln können. Geschäftsmodelle zu entwickeln und Mannschaften dafür aufzubauen, ist ein Marathon und kein Sprint. Es werden Fachexperten gebraucht, die viele Faktoren im Blick behalten: Beschaffungsmärkte, Logistik, Verpackungspreise, Markttrends.

Müssen Reformer von extern kommen?

Natürlich nicht. Aber niemand ist vor einer gewissen Fluktuation gefeit.

Wie hat Corona die Nachfrage nach Führungskräften beeinflusst?

Der Arbeitsmarkt war noch nie so heiß wie jetzt. Gute Leute bekommen viele Anfragen und wollen vor einem Wechsel sehr viel wissen. Für Arbeitgeber ist die richtige Story unerlässlich: Wo kommen sie her, wo wollen sie hin und was kann der Beitrag des Kandidaten sein. Wir helfen unseren Auftraggebern, ein authentisches Bild zu zeichnen. Man bezahlt doppelt, wenn dem Kandidaten etwas vorgegaukelt wird und er wieder geht.

Welche Bewerber haben schlechte Karten?

Im Automobilbereich, im Bauwesen und in der Logistik sind manche Profile wegen des Erneuerungsbedarfs einfach nicht mehr gefragt.

Gibt es auch Unternehmen, die aufgrund ihres überalterten Geschäftsmodells kaum noch Bewerber kriegen?

Ja, auf jeden Fall. So glaube ich, dass der preisaggressiven Handelsmarkenpolitik noch viele Markenartikler zum Opfer fallen werden. Vor allem dann, wenn sie nur noch zu 60 Prozent für die Marke produzieren. Im Handel eröffnet die Konsolidierung Chancen für Nischenanbieter, ob stationär oder online.

„Der Dialog mit der Belegschaft gilt heute als Voraussetzung für Geschäftserfolg. Alle, die sich auf diesen Weg machen, sind erfolgreich“
Personalberater Tim Oldiges

Sehen Sie schon Verwerfungen durch den Quick Commerce?

Das ist für mich noch kein nachhaltiges Geschäftsmodell, wenn auch eine beachtliche unternehmerische Leistung! Ob wir Gorillas, Flink und Co außerhalb einer Großstadtkultur brauchen, weiß ich noch nicht. Fakt ist, dass die Versorgung auf der letzten Meile viele Chancen bietet, um mit neuen Ideen zu punkten.

Wie schätzen Sie Food-Startups ein?

Der Erfolg einiger Food-Startups zeigt mir, dass im Markt viele Ideen sind und noch besser aufgegriffen werden könnten. Häufig kommen die Gründer aus food-fremden Branchen und denken Geschäfte komplett anders. Sie sind ein guter Fundus für Talente.

Was kann man selbst dafür tun, ein gefragter flexibler Manager zu bleiben?

Dealing with ambiguity, heißt für mich das Zauberwort: Ich muss mein Business beherrschen und gleichzeitig im Auge behalten, was als Nächstes kommt. Leicht ist das nicht. Wer ein Unternehmen mit 5000 Mitarbeitern lenkt, bekommt eine Vielzahl unterschiedlicher und widersprüchlicher Informationen. Trotzdem muss er mit Zuversicht und Klarheit der Organisation eine Richtung geben, um mit Volldampf an den Lösungen zu arbeiten und gegen Widerstände die Richtung zu halten. Intellektuelle Fähigkeiten sind eine notwendige Voraussetzung, sagen aber nichts über erfolgreiche Führung.

Was erwarten Ihre Kunden von einer modernen Führungskraft?

Wir alle haben verstanden, dass der Wille von oben nicht mehr reicht, um etwas zu verändern. Er muss ergänzt werden um das Verständnis dafür, was der Mitarbeiter braucht. Der freimütige Umgang mit Kommunikation ist ein erster Schritt. Kontakt mit der Belegschaft, Dialog gilt heute als Voraussetzung für Geschäftserfolg. Alle, die sich auf diesen Weg machen, sind erfolgreich. Warum? Weil der Kontakt zu den Teams dabei hilft, schnell Korrekturen vorzunehmen. Aber es ist eine gewaltige Umgewöhnung, diese Haltung in den Alltag zu integrieren und durchzuhalten.

Was prägt aktuell Ihr Geschäft?

Wir haben eine Verknappung an Topleuten, verbunden mit drastischen Lohnsteigerungen. Und wir führen mit wirklich jedem Kandidaten, egal auf welcher Ebene, Gespräche über das Homeoffice. Diese Arbeitsform besticht, weil mehr Kontakt zur Familie möglich ist und Anreisezeiten wegfallen. Typischerweise verdichtet sich aber die Arbeit durch eng getaktete Calls. Welchen Preis wir zahlen, wird sich zeigen. Unsere mittelständischen Kunden haben sich noch nicht komplett auf diese neue Arbeitswelt eingestellt, aber auf Bewerberseite lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen.

Link zum Originalartikel der Lebensmittelzeitung:

Transformation: Kluge Köpfe für den Umbau gesucht (lebensmittelzeitung.net)

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