Digitalisierung in China – Das Reich der digitalen Mitte hat uns längst abgehängt Was wir von den Chinesen lernen können

Kategorie: Allgemein, Branche 4.0

“730 Millionen Menschen waren Ende 2016 mit Handys, Tablets oder Computern online. 470 Millionen haben bargeldlos eingekauft, und praktisch alle Bezahlvorgänge wurden mit dem Smartphone erledigt. Die Zahl derjenigen, die per Smartphone überweisen, dürfte in China inzwischen bei einer halben Milliarde Menschen liegen – das Land ist auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft. ” – Zeit Online vom 7. Mai 2018

Es ist Freitag, der 23. November 2018; der Himmel ist heiter und meine Erwartungen an den nächsten Termin sind nicht überbordend. Gebückt trete ich aus dem kleinen Bus heraus, um zu unserem Termin bei Shenzen Valley Ventures zu gelangen. Gemeinsam mit einer kleinen Delegation aus Unternehmern, Gründern und Investoren befinde ich mich auf einer vom Bundesverband Deutscher Start-ups organisierten, einwöchigen Reise durch die Start-up Landschaft Chinas.
Nach dem Empfang erläutert uns der Vertriebschef, dass Shenzen Valley Ventures über einen Investmentarm und einen Engineering Bereich verfügt. Als ich zahlreiche namhafte deutsche Unternehmen auf der Kundenliste se-he, werde ich hellhörig.
„Die deutschen Unternehmen haben große Probleme mit der Geschwindigkeit“, höre ich den Gründer Chad Xu sagen, der vor etwas mehr als 10 Jahren auch das Unternehmen Zowee Technology mitgründete, das mittlerweile mehr als 10.000 Mitarbeiter und einen erfolgreichen Börsengang hinter sich hat. „Wir sind durch unsere Agilität in der Lage, die Entwicklungszeiten deutscher Maschinenbauer und Industrieunternehmen um bis zu 50% zu re-duzieren. Im Anschluss unterstützen wir zusätzlich bei der Auswahl der richtigen Contract Manufacturer; denn in Sachen Supply Chain ist China bereits heute schon Weltmarktführer“, so Xu weiter.
Diese Aussage sitzt tief. Auf unsere Frage, was er uns Deutschen nun raten würde, sagte Xu ernst und mit bodenständigem Unterton: „be humble and catch up“ – seid demütig und versucht dran zu bleiben.
„Die meisten Manager unterschätzen die Fähigkeiten Chinas und haben ein veraltetes Weltbild. Auch wenn wir ganzheitlich betrachtet noch ein Entwicklungsland sind, so haben wir in den letzten Jahren einen riesigen Schritt nach vorne gemacht“ führt Xu weiter aus.

Talents
War of Talents

Es sind Erfahrungen wie diese, die wir im Laufe der Woche immer wieder machen. Gut ausgebildete Manager mit bestechender Rhetorik und einem aus-geprägten Selbstbewusstsein arbeiten mit klarer Linie an der Erschließung der Märkte. Das täglich positive Marktfeedback wirkt sich dabei wie ein Ver-stärker auf die Glaubenssätze der Unternehmer und Manager aus. Mir ist es daher wichtig, meine Erfahrungen der Reise für Sie kurz zusammenzufassen und Ihnen von meinen Erkenntnisse zu berichten.

Digitalisierung auf Rezept

Wir haben auf unserer Reise in viele Augenpaare blicken können. Und in allen loderte das Feuer der Zuversicht auf den sozialen Aufstieg. Mit außer-gewöhnlichem Engagement und einem spürbaren Selbstbewusstsein arbeiten die Chinesen an ihrem Wiederaufstieg zur wirtschaftlichen Weltmacht. So wurde in vielen Unternehmen nach dem 9-9-6 Modell gearbeitet. Von morgens um 9 Uhr bis abends um 9 Uhr, an 6 Tagen in der Woche.
Der Staat unterfüttert dies mit strategischen Projekten und einem 5 Jahres-plan, um die perfekten Leitplanken zu schaffen und allen Bürgern die zentralen Ziele des Staates transparent zu machen.
Dabei berichten die Unternehmen und deutsche Arbeitnehmer aus chinesischen Start-ups – zu unserer Überraschung – von wenigen Berührungspunkten mit dem Staat. Das Konzept des experimentellen Autoritarismus scheint also einigermaßen aufzugehen – der Staat schafft die Rahmenbedingungen und die Start-ups scheitern sich zum Erfolg.
Für uns unvorstellbare Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Innovationskultur tragen schon längst Früchte und sorgen dafür, dass der Aufschwung an kaum einem Chinesen vorbei geht. Doch die staatlichen Investitionen werden nicht gleich verteilt, sondern akzentuiert anhand eines Reifegradmodells (Tier1, Tier2, Tier3) vergeben. So holt der Staat jede Stadt dort ab, wo sie in Bezug auf Bildung, Technologie, Infrastruktur und Wirtschaftskraft steht.

Shanghai
Shanghai, China

Trotz unseres Staunens über die Geschwindigkeit, den Erfolg und die Klarheit im Reich der Mitte, fallen uns natürlich auch Schattenseiten des autokratischen Regimes auf. Shenzen ist der Prototyp für die ganzheitliche Überwachung der Bevölkerung und damit der Konzeptbeweis für die Einführung des Social Scorings im Jahr 2020. Überall in der Stadt finden wir tausende Kamerasysteme, die öffentliche Plätze sowie den Straßenverkehr überwachen und eine unüberschaubare Anzahl an Daten über die Bürger erzeugen. Von der Qualität der Auswertungsalgorithmen konnten wir uns unmittelbar vor Ort überzeugen. Das mit 2,5 Mrd. Euro Venture Capital finanzierte Unternehmen SenseTime hat sich auf die Auswertung von Kameradaten spezialisiert. Die Aufnahmen werden mit einer Bilderdatenbank abgeglichen, um so-mit Rückschlüsse auf die Identität der Person ziehen zu können. Durch Chinas gigantische Bevölkerungsstruktur konnte man im Hinterland tausende Hilfsarbeiter akquirieren, so dass der Algorithmus bereits mit über 11 Mrd. Gesichtern trainiert wurde.

SenseTime
SenseTime Video-Überwachungssystem

Die Zuverlässigkeit der Identifikation von Personen ist mittlerweile so hoch, dass der Computer bereits anhand von Gesten oder Köperbewegungen, ohne gänzliche Informationen zur Gesichtsbiometrie, Rückschlüsse auf die Person ziehen kann. Georg Orwell hätte seine wahre Freude gehabt.
Auch Objekte wie Autos oder Kleidungsstücke werden zielsicher identifiziert. Doch die Chinesen erkennen in Alledem eher die Vorteile statt die Einschränkung ihrer Freiheitsgrade. Seit dem Einsatz der Kamerasysteme ist die Kriminalität in der Stadt massiv zurück-gegangen. „Wenn Sie sich also nichts zu Schulden kommen lassen, machen Ihnen die Kamerasysteme auch keine Probleme“, kommentiert Georgey Ding von SenseTime nüchtern.
Durch den Einsatz von unglaublichen Datenmengen und künstlicher Intelligenz hat sich China eine Vormachtstellung erarbeitet, die wir nicht zuletzt aufgrund unserer großzügigen Datenschutzregelungen wohl kaum noch aufholen können.

Die Macht des Binnenmarktes

Unser Besuch beim Onlineriesen Ali-baba macht zudem deutlich, wie die Unternehmen Chinas von der Größe des Binnenmarktes profitieren. Aufgrund der hohen Bevölkerungszahlen, der Sprache und dem einheitlichen Kulturraum fokussierten sich nahezu alle besuchten Unternehmen auf den chinesischen sowie den süd-ost-asiatischen Markt. Und trotz der regionalen Begrenzung gelingt es einem Unternehmen wie Alibaba, aufgrund des riesigen Binnenmarktes, $30,8 Mrd. umzusetzen – an nur einem einzigen Tag, dem Singles Day. Unvorstellbar für deutsche Unternehmen wie Zalando & Co. Der Erhalt unserer sozialen Stellung wird also nur möglich sein, wenn wir uns Märkte suchen, die uns Zugang zu einer vergleichbar großen Kundengruppe ermöglichen.

Alibaba-Zentrale_2
Alibaba Group , Shenzen

Aufgrund der massiven kulturellen Divergenzen und des daraus resultieren-den unterschiedlichen Konsumverhaltens sind sich die Chinesen bewusst, dass sie nur über Joint Venture Partner oder durch die Akquisition von Unter-nehmen einen erfolgreichen Markteintritt in Europa oder in den USA feiern können – so dass zumindest an dieser Stelle die strukturelle Chancengleichheit gewahrt bleibt.
Außerordentlich beeindruckt waren wir zudem von dem hohen Digitalverständnis und der großen gesellschaftlichen Akzeptanz für digitale Geschäftsmodelle. Nicht nur florierende Share Economy Konzepte wie Mobike, die das ganze Stadtbild durch orangefarbene Mietfahrräder prägen, sondern auch die konsequente Umstellung auf mobiles Bezahlen gibt uns das Gefühl, als kämen wir aus dem Mittelalter.

Mobike
Mobikes prägen das Stadtbild in Shenzen

Egal ob Taxi, Restaurant oder Imbisstand – überall wird mit Alipay oder WeChat Pay bezahlt. Sogar die Speise-karte wird nach dem Scannen eines 2D Barcodes auf dem Restauranttisch über das Handy angezeigt. Die Speisenauswahl, die gesamte Bestellung und die Bezahlung erfolgt über das mobile Gerät, gänzlich ohne Kontakt mit dem Kellner – sofern gewünscht.

Was können wir von den Chinesen lernen?

Mir wurde schnell bewusst, dass wir in den letzten Jahren bereits einen Teil unseres wirtschaftlichen Vorsprungs verspielt haben und dass unsere Geschwindigkeit in Deutschland nicht ausreichen wird, um das Verbleibende noch zu verteidigen.
Ich habe für mich die folgenden Takeaways mitgenommen:

a) Partnerschaften eingehen
„Kannst du deine Feinde nicht besiegen, dann verbünde dich mit ihnen.“ Nur über tragfähige Partnerschaften können wir den chinesischen Markt er-schließen – und umgekehrt. Es wäre jedoch leichtsinnig, eine stark wachsende Volkswirt-schaft wie China zu meiden und zu versuchen, unsere Intellectual Property abzusichern. Die Entwicklungsgeschwindigkeit in China wird durch unsere zöger-lichen Handlungen nicht gebremst – also sollten wir best-möglich von den positiven Entwicklungen in China profitieren.

b) Im Wettbewerb bleiben
Deutsche Unternehmen müssen an der eigenen Agilität arbeiten. Mit den Verhaltensmustern der Vergangenheit und Diskussionen rund um die Work-Life-Balance öffnen wir erfolgshungrigen Volkswirtschaften wie China auch die Tür zur Verdrängung in unseren Kernkompetenzen. Nur durch kurze Entwicklungszyklen, eine große Energieleistung und konsequent ausgerichtete Wertschöpfungsketten werden wir in der Lage sein, im Wettbewerb bestehen zu können.

c) Europe first
Nur wenn wir länderübergreifend denken und unsere Produkte bereits in der Entwicklungsphase für mehr als 1 Mrd. Menschen konzipieren, haben auch unsere Digitalprodukte ei-ne langfristige Chance. Andernfalls werden die amerikanischen und asiatischen Unternehmen in gleicher Zeit weitaus mehr Kapital anhäufen und uns auf die Zuschauertribünen ver-dammen.

d) Digitalisierung aktiv mitgestalten
Wir benötigen in Deutschland großzügige Spielregeln, um Erfahrungen im Umgang mit neuen Technologien sammeln zu können. Sich aus Angst vor Datenmissbrauch vor neuen Technologien zu verschließen wird uns nicht helfen. Denn es wird andere geben, die diesen Weg dennoch beschreiten werden. Wir sollten den Weg also lieber aktiv mitgestalten als ihn anderen zu überlassen.

e) Mehr Wagniskapital
Auch wenn unsere Betriebe derzeit noch eine attraktive Rendite abwerfen, kommen wir nicht umhin, mehr Wagniskapital in Geschäftsmodelle der Zukunft zu investieren. Gerade im Bereich der „Later Stage“ schaffen es die Start-ups mit bewährten Geschäftsmodellen nicht, zum nächsten Wachstumssprung anzusetzen und überlassen somit asiatischen oder amerikanischen Wettbewerbern das Feld.

Fazit

Abschließend möchte ich mit dem Fazit Chad Xu’s von Shenzen Valley Ventures, der voller Wertschätzung für die Fähigkeiten der Deutschen Wirtschaft die nüchterne Bilanz zog, dass das träge deutsche System auf den derzeitig mangelnden Schmerz in Deutschland zurückzuführen sei und dass der Wohlstand unseres Landes auf den Errungenschaften des letzten Jahrhunderts basiert. Allerdings wird in diesen Tagen der Grundstein des Wohlstandes für die nächsten hundert Jahre gelegt!
Wir sollten unsere freiheitlichen und demokratischen Werte stützen, unser berühmtes Bildungssystem innovieren und den Hunger auf Erfolg in uns wie-der entdecken – wenn nicht für uns, dann zumindest für unsere Kinder!

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